Klatschmohneindrücke 2011, festgehalten von Judit

 

Ab Februar beginnen intensive Proben mit unserem Trio „Klatschmohn“. Neue Stücke möchten erarbeitet und arrangiert sowie Programme gestaltet werden. Die Proben in Hirschroda in Heikes wunderschöner Kemenate gleichen so manches Mal einem Marathon, da sie bis tief in die Nacht andauern. Schweißausbrüche, Kommunikationsschwierigkeiten und diverse kleine bis größere Nervenzusammenbrüche sind die Folge! Aber da wir drei recht starke Frauen sind, welche sich nicht so schnell unterkriegen lassen, überwiegen letztendlich die Freude am gemeinsamen Musizieren, die Leidenschaft für Musik und vor allem das Herumalbern mit anschließenden Lachanfällen, welche uns regelmäßig fast vom Stuhl fallen lassen.

Diverse Muggen über das Jahr verteilt bringen uns an verschiedene Orte und Örtlichkeiten und unter teils abenteuerlichen Bedingungen präsentiert sich Klatschmohn von seiner charmanten und humorvollen Seite, auch wenn wir uns ab und an heute noch fragen, wie wir dieses oder jenes eigentlich geschafft haben!?!

Schon allein die Tatsache, sich zu dritt mit all den Instrumenten, Zubehör, Köfferchen, Taschen, Noten, Pulten und allerlei benötigtem Krimskrams in ein kleines rotes Auto zu quetschen, gebührt uns eine gewisse Anerkennung.  

Am 1. April spielen wir das erste Mal mit Technik in der "Noll" in Jena! Ein heikles Unterfangen, auf einmal werden Instrumente und Gesangsstimmen durch Mikrofone und Lautsprecher verstärkt, wir sind alle sehr aufgeregt, was unsere liebe Heike teils derart aus dem Konzept bringt, dass sie vor Schreck das falsche Stück spielt oder ungünstige Töne singt, welches sie zu guter Letzt auch noch ausrufen lässt:“ Ach Gottchen…!“ 

Anfang Juni sind wir auf einem Straßenfest in Apolda zu erleben, sozusagen als Straßenmusiker. Es kommen leider überhaupt nicht viele Leute und es weht nun wahrlich mehr als eine leichte Brise um unsere Näschen, so dass es nicht nur einmal vorkommt, dass die Noten wegfliegen, die Pulte umfallen oder gar der Herr der Winde mir den Bogen aus der Hand zu reißen droht. 

Entspannt dagegen verläuft unsere Mugge an meinem Geburtstag auf der Burg Ranis als musikalische Umrahmung eines literarischen Brunchs. Ein charmanter Autor, ein Gläschen Sekt, ein gutes Essen und ein erfreutes, gut gelauntes Publikum – eine gelungene „feine Sache“.  

 

Zwei Tage später findet weltweit die „Fete de la Musique“ statt, ein Musikspektakel in vielen Städten der Welt, es spielen unzählige Musiker/innen in Bands und Gruppen, alle unplugged (d.h. ohne Technik/Verstärkung) auf der Straße. Klatschmohn gastiert zunächst in Erfurt, in der Nähe eines Cafés unweit einer Straßenbahnlinie. Für Thüringen ist wechselhaftes Wetter mit Regen angesagt, doch die Engel erhören meinen Wunsch und wir bleiben diesbezüglich verschont.

Allerdings entwickelt sich in Erfurt ein solch orkanartiger Sturm, (in Apolda wehte im Vergleich dazu ein laues Lüftchen!), dass uns im wahrsten Sinne des Wortes der Atem stockt! Trotz aller Bemühungen mit Pultmagneten und allerlei Sicherheitsmaßnahmen ist es uns teilweise absolut nicht möglich weiterzuspielen. Ich muss mit aller Kraft meinen 63 Gramm leichten Bogen auf den Saiten halten, Eszter müht sich ständig mit ihren herumflatternden Noten ab; es kommt einem Wunder gleich, dass sie als Leichtgewicht nicht davon schwebt. Unsere Frisuren möchte ich gar nicht erst erwähnen! Heike tangiert dies nicht sonderlich, da sie eine überaus praktische Kurzhaarfrisur trägt und zudem ein Instrument mit einem Gewicht von 16kg!! mit sich herumschleppt, was natürlich nicht so schnell wegfliegen kann… 

In Weimar, der zweiten Spielstätte des Tages, erleben wir eine noch nie da gewesene Atmosphäre: wir musizieren auf einem recht großen Platz, es ist ein lauer Abend, (fast windstill!!), im Hintergrund befindet sich ein romantisch anzusehender Brunnen und es strömen immer mehr Menschen zu uns, um zu lauschen. Allmählich bildet sich ein dichter Kreis, welcher unserer Aufforderung, doch über die Absperrung zu steigen, gern nachkommt und wir somit plötzlich ganz nah von sehr vielen Zuschauern umringt sind, welchen es anzusehen ist, dass sie sich wohl fühlen, uns mögen und vor allem von unserer Musik angetan sind…wow!!! Ich bekomme jetzt noch eine Gänsehaut.

 

Im Zuge meiner Selbstständigkeit erhalte ich Fördergelder, welche unsere Band „Klatschmohn“ hauptsächlich für die Produktion einer CD verwenden möchte. Das heißt, im August geht es für Eszter und mich das erste Mal ins Tonstudio zu Wilfried Mengs.

Wilfried ist so was von sympathisch, lebt mit seiner Frau fern ab der Stadt sehr ländlich und naturverbunden mit fünf Huskies, Schafen und einem Bienenvolk in der Nähe des Waldes. Dies ist sicher idyllisch, jedoch ohne Wegbeschreibung nicht zu finden!! Und selbst mit dieser fahren wir ab und zu vorbei…

Der erste Aufnahmetermin gestaltet sich (zunächst mit Verspätung und einer „leicht“ verkaterten Eszter) dann doch zu einem versöhnlichen Erlebnis, da wir nach einiger Anlaufzeit etliche Aufnahmen sozusagen im Kasten haben und nach erfolgreicher Bearbeitung benutzen können. Es folgen noch weitere Aufnahmen, welche uns mitunter bis an die Grenzen bringen (gelegentliche Schnupfen-, Husten-, Heiserkeits- oder auch Asthmaanfälle tragen nicht unbedingt zum allgemeinen Wohlbefinden bei), da ein hohes Maß an Konzentration und natürlich auch Besonnenheit erforderlich ist! Wilfried glänzt meist mit entgegenkommendem Verständnis, bemerkenswerter Geduld und seinem umwerfenden Lächeln! Ich denke, nach einem guten halben Jahr Arbeit werden wir unsere CD Anfang Februar endlich in den Händen halten!

 

Das Böhmehoffest in Hirschroda Nr. 1 Ende August findet bei gefühlten 40 Grad statt; wir musizieren zwar erst am Abend, jedoch kleben die Klamotten bereits am Leib, bevor wir auch nur einen Ton gespielt haben. Es sind nahezu saunaähnliche Bedingungen, was uns „Klatschmohnis“ aber natürlich nicht davon abhält, mit Charme und Esprit unser Dorfpublikum zu verzaubern. Später höre ich zufällig, als ich an einem Biertisch vorbeigehe, wie eine Dame mit gewichtiger Miene verkündet: „Für so ein Programm müssen wir  anderswo 25 Euro hinlegen!“ Nun leider gab es an diesem Abend nur Hutgeld… 

Ach, und ein kleines Mädchen äußert sich doch prompt auf Heikes Wunsch nach einer Dusche mit folgenden Worten:

„Ja, Ihr seid nämlich schon ganz schön dreckig!“   

 

Tatort Kannawurf  

Ein niedliches Örtchen in der Nähe von Artern. „Klatschmohn“ ist als musikalische Umrahmung einer Lesung geladen. Die Veranstaltung findet in einem alten, bereits teilsaniertem Schloss (1564 erbaut) statt. In einem nicht allzu großen Raum: der Kaminofen brennt, die Kerzen leuchten, der Wein ist serviert, die Gesichter der Zuschauer sind erwartungsfroh, kurzum, es herrscht eine gemütliche kuschelige Stimmung. Wir erledigen unseren Soundcheck und begeben uns nach unten in den Hof. Ich selbst möchte gern noch einmal frische Luft schnappen, (die zwei anderen Grazien rauchen aber leider), dann geht’s in die Schlossküche mit einer gefühlten Raumtemperatur von 45 Grad (der Heizjunge hatte es gut gemeint) und sichtlich erwärmt wollen wir den Abend musikalisch eröffnen. Doch oh Schreck oh Graus, das Klavier bleibt aus!!! Wie immer mit unserem Stage-Piano ausgestattet, breitet sich nach mehrmaligen vergeblichen Versuchen, das Instrument anzuschalten, eine zunehmende Panik aus! Das pure Entsetzen steht in unseren erstarrten Gesichtern geschrieben!! Was ist passiert? Der Raum wird mit zwei riesigen Scheinwerfern ausgeleuchtet. Kommt es hier vielleicht zu einer Art Überspannung, welche das Klavier nicht aushält? Jedes mal, wenn wir den Powerknopf drücken, erklingen unheimliche Geräusche aus dem Instrument! Oder ist das Relais oder die Sicherung am Netzteil kaputt?

Was nun?! Musik nur mit Geige und Sousaphon?! Undenkbar! Absagen?! Das wäre ein herber Verlust der reichhaltigen Gage!  Fieberhaft wandern unsere Blicke umher und siehe da, in einer Ecke des Raumes steht ein abgedeckter, ziemlich marode aussehender Flügel. Ich hatte ihn während der Unruhe gar nicht richtig wahrgenommen! Eszter probiert ihn flüchtig. Und?! Na ja, er ist nicht ganz so verstimmt, wie wir es befürchteten, sein Klang allerdings gleicht dem eines Klaviers in einem Western – Saloon! Es hilft nichts, wir müssen uns damit begnügen! Nun muss umgeräumt werden! Zuhörer, Stühle, Truhen, Weingläser, Instrumente, Pulte, Noten, Lampen und und und  wechseln ihre Plätze und mit einer halbstündigen Verspätung schließlich können wir beginnen. Puh, welch ein Spektakel! Und wisst Ihr, was mir sofort in den Sinn kam, mal von gesuchten irdischen Erklärungen abgesehen? Das war reine Absicht! Sicher halten sich in diesen alten Gemäuern des Schlosses noch so einige Geister auf und diese befanden wohl die Idee mit dem Stage-Piano gar nicht gut! Wo gibt’ s denn so was! Ein Schloss aus der Renaissance, in welchem ein elektrisches Klavier gespielt werden sollte, welch ein Skandal!

Und siehe da, am nächsten Morgen, wir waren noch in der Nacht nach Hirschroda zurückgekehrt, funktioniert das Piano wieder einwandfrei. Und Eszter erblickt am Nachmittag in einer auf dem Hoftisch liegenden Zeitung die Überschrift: Spuk im Schloss…